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kaeru Offline

Wenigschreiber

Beiträge: 90

27.07.2006 12:49
"Gutmensch" - Begriffsklärung antworten

...vielleicht gar nicht so uninteressant, sich mal über den Begriff zu informieren ...

Gutmensch
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Gutmensch wird von „guter Mensch“ abgeleitet, wendet aber die positive Bedeutung des Ausdrucks ins Gegenteil, ist also eine Pejoration. In Bedeutung und Benutzung lehnt sich der Begriff an das ältere Wort Weltverbesserer an.

Benutzer des Begriffs unterstellen Personen oder Personengruppen mit betont moralischer Grundhaltung fehlgeleitetes bzw. zweifelhaftes Verhalten. Der Begriff speist sich auch aus dem Unterschied zwischen 'gut gemeint' und 'gut gemacht'. Ein Gutmensch hat gute Absichten, möchte bestimmte Probleme lösen und/oder die Welt verbessern. Seine Handlungen oder die verwendeten Mittel/Wege zum Ziel sind aber in der Regel zweifelhaft, meist aufgrund einseitiger Betrachtung eines Problems, mangelnder Objektivität oder Unkenntnis der Faktenlage.Gutmensch wird oft mit Begriffen wie Pharisäer und Heuchler, seit Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts auch mit der Politischen Korrektheit verbunden und als Anklage verstanden, die drastisch als „Terror der Gutmenschen“ erscheint. Im öffentlichen Sprachgebrauch dient der Begriff durchweg als eine negativ konnotierte Fremdbezeichnung. Eine wenn auch oft ironische aber ernstgemeint "liebevolle" Verwendung findet sich zumeist nur in persönlichen Gesprächen, z.B. für "das Herz am rechten Fleck haben", großzügiges Verhalten oder ironisch für „übertriebenen“ Altruismus.

Inhaltsverzeichnis
1 Herkunft und Verwendung
2 Verwendung in der Politik
2.1 Verwendung des Begriffs innerhalb gesellschaftskritischer Kreise
2.2 Verwendung in der politischen Rhetorik
2.3 Verwendung des Begiffs als ideologischer Code
3 Semantisches Vorfeld des Begriffs und seiner Bedeutung
3.1 "Good minds" als rhetorische Figuren in der US-Multikulturalismus-Debatte
4 Andere Verwendungen
5 Siehe auch
6 Literatur
7 Weblinks

Herkunft und Verwendung
Nach Rembert Hüser ist die Bezeichnung Gutmensch als eine „Witzelei“ der „89-Generation“-Feuilletonisten und Autoren wie Rainer Jogschies, Matthias Horx und Klaus Bittermann entstanden, die „Anti-68er-Lexika“ in der Tradition von Eckhard Henscheids Dummdeutsch-Wörterbuch verfassten. Diese Wörterbücher stellen eine Mischung aus Bekenntnisliteratur und Unterhaltungsliteratur dar und unterscheiden nicht zwischen Worterklärung und Wortgebrauch. Im Nachwort seines Wörterbuches des Gutmenschen schreibt Bittermann: „Am Ende seiner gegen den 'Versöhnungsterror der bundesrepublikanischen Provinz' gerichteten Glossen [...] schrieb Karl Heinz Bohrer Anfang 92: 'Vielleicht wäre es am besten, der Merkur legte in Zukunft ein kleines Wörterbuch des Gutmenschen an. Dahinein gehörten 'die Mauer im Kopf einreißen' oder 'Streitkultur' oder 'eigensinnig' oder 'Querdenker'. Darauf haben wir mit Spannung, aber leider vergeblich gewartet. Die Situation wurde seither nicht besser, so daß wir uns gezwungen sahen, das Projekt selbst in Angriff zu nehmen."

Seit Mitte der 1990er Jahre etablierte sich der Begriff Gutmensch in politischen und ideologischen Debatten. In diesen wurde er oft zusammen mit dem Begriff „pc“ (political correctness) verwendet, um den politischen Gegner und seine Ansichten als moralisierend zu kritisieren.

Der Herausgeber des Merkur, Kurt Scheel, stellt die Behauptung auf, den Begriff in diesem Sinne als Erster verwendet zu haben. Das Wort galt in den Feuilletons als modischer „latest critical chic“. Political correctness wurde zuweilen, etwa von Klaus Bittermann, Herausgeber der Edition Tiamat, „Gutmenschensprache“ genannt.

Den Begriff „guter Mensch“ in einer ironischen Form mit negativer Konnotierung benutzte das Satiremagazin Titanic bereits Mitte der 90er Jahre.

Auf dem Kongress des Deutschen Journalisten-Verbandes 2002 kritisiert der WDR-Journalist Hoppe den Gebrauch des Begriff Gutmensch bei seinen jüngeren Kollegen. „Die Nazis hielten es für besonders komisch, diesen Begriff aus dem jiddischen ‚a gutt Mensch’ abzuleiten“, verdeutlichte Hoppe.

Heute ist der Begriff teilweise in die Alltagssprache eingegangen, wo er meist ironisch für Menschen gebraucht wird,

die sich nur vorgeblich für moralische Ziele einsetzen,
die sich zwar tatsächlich für moralische Ziele einsetzen, denen dabei jedoch Realitätsverlust unterstellt wird, oder
deren uneigennütziger Einsatz für ein moralisch gut angesehenes Ziel als übertrieben oder naiv beschrieben werden soll.

Verwendung in der Politik
Verwendung findet der Begriff, mit unterschiedlicher Intention und Häufigkeit, im gesamten politischen Spektrum.


Verwendung des Begriffs innerhalb gesellschaftskritischer Kreise
Sich als gesellschaftskritisch verstehende Akteure üben damit mitunter ironische Kritik an vermeintlichen Mitstreitern, die zwar Kritik an der Gesellschaft formulieren, aber nicht bereit sind, sich selbst den vertretenen Ansprüchen zu stellen. So wird z.B. damit eine Kritik am Rassismus als rein symbolisch gewertet, wenn das eigene rassistische Verhalten nicht reflektiert wird. Diese Kritik meint, dass politische Äußerungen, die keine Konsequenzen verlangen, dem Sprecher und der Sprecherin allein dazu dienen, in einem "guten Licht" zu stehen. Kritisiert werden dabei besonders Sonntagsreden von Politikern, wenn diese sich als Fürsprecher von "Opfern" ausgeben. Dagegen wird von Betroffenen auch eine Festschreibung in einer Opferrolle entschieden zurückgewiesen.

Ein besonderes Beispiel ist der gutmeinende "Fremdenfreund", der aufgrund des humanistischen Grundsatzes davon ausgeht, dass alle Menschen gleich sind, ihm fremden Menschen jedoch "eigene Bedürfnisse, ethische oder moralische Vorstellungen und Ziele aufoktroyiert" (Sabine Forschner).


Verwendung in der politischen Rhetorik

Häufiger benutzt die politische Rechte den Begriff, um den politischen Gegner zu diskreditieren: Indem sie „linke“ Ideale als „Gutmenschentum“ abwertet, unterstreicht sie den Anspruch, selbst realistisch und auf der Sachebene zu argumentieren, während den als Gutmenschen Bezeichneten damit Realitätsverlust, mangelndes Reflexionsvermögen, ein unrealistisch hoher moralischer Anspruch oder utopische Vorstellungen unterstellt werden.

Die so Angegriffenen sehen darin einen rhetorischen Kunstgriff, der ihre Bestrebungen nach Humanität, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit ins Lächerliche ziehen soll. Durch die Einordnung des Gegenübers als „Gutmensch“ werde die Diskussion auf eine persönliche und emotionale Ebene gezogen, um so einer inhaltlichen Auseinandersetzung auszuweichen.

Zur Strategie der Moralisierung

Politische Machtfragen erhalten durch die Verwendung des Begriffes „Gutmensch“ eine moralisch polarisierende Form, die dazu geeignet ist, die Achtung vor dem politischen Gegner zu mindern und ihn zu diskreditieren. In der politischen Rhetorik gibt es Strategien, politische Fragen entweder auf der Sachebene oder auf einer moralischen Ebene zu verhandeln. Mit Fremdzuschreibungen des politischen Gegners durch Stigmatisierungen wie „pc“ oder „Gutmensch“ wird die Kommunikation moralisiert. Damit ist die Position des politischen Gegners diskreditiert, und er ist gezwungen, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen, wenn er sein Ansehen nicht (weiter) verlieren will. Besonders offensichtlich wird diese Strategie dort, wo es tatsächliche oder auch nur behauptete Tabus gibt. Die Kunst der Rhetorik besteht dann darin, mit stigmatisierenden Begriffen wie „Gutmensch“ oder „Moralkeule“, den politischen Gegner in der Auseinandersetzung in Situationen zu bringen, in denen die Alternative lautet: „meine Ansicht oder die tabuisierte“. Diese Rhetorik erweist sich oft als sehr wirkungsvoll, da hier nur unter schwierigen Umständen über Sachfragen analytisch gesprochen werden kann. Auf diesen Zusammenhang verweist der Sprachwissenschaftler Clemens Knobloch von der Universität Siegen.

Beispiel 2. Golfkrieg

Als ein bekanntes klassisches Beispiel untersucht Knobloch die Gleichsetzung Saddams mit Hitler durch Hans Magnus Enzensberger in einer Titelgeschichte des Spiegels 1997 anlässlich des 2. Golfkrieges. Durch diese Rhetorik wurden die Kritiker der US-Kriegsführung symbolisch zu Verbündeten Hitlers gemacht. Pazifisten wurden vor diesem Hintergrund als „Gutmenschen“ tituliert, da sie einerseits Krieg argumentativ oder auch nur moralisch verurteilten und andererseits nun als NS-Verbündete galten. Vergleiche zwischen dem 2. Weltkrieg und dem Golfkrieg lieferten keinerlei Erkenntnisse, politisch wirkte ein solcher Vergleich jedoch sehr moralisierend.


Verwendung des Begiffs als ideologischer Code
Unter der Chiffre "pc", für die häufig so genannte "Gutmenschen" verantwortlich gemacht werden, werden, speziell in der rechten Szene Themen benannt, über die man angeblich nicht mehr laut und öffentlich reden könne, ohne dem "Terror der Gutmenschen" zum Opfer zu fallen. Die so ausgemachten "Gutmenschen" werden dabei bildhaft oft als Keulen schwingend dargestellt. Die Rede ist von "Moralkeule", "Rassismuskeule", "Faschismuskeule", "Auschwitzkeule" etc. Generiert wird so eine Feindbild- und eine Tabusituation, in der insbesondere antifeministische, rassistische und antisemitische Äußerungen als rebellisch und tabubrechend erscheinen. Der Begriff "Gutmensch" wirkt hier als Code, um in diesem Denkmuster sprechen zu können und verstanden zu werden, ohne die eigene Gesinnung deutlich formulieren zu müssen. Zuhörer, die sich gar nicht als z.B. Antisemiten verstehen, können diesen Reden bedenkenloser zustimmen. Ein bekanntes Beispiel ist es, in antisemitischen Reden das Wort "Jude" durch das Wort "Gutmensch" zu ersetzen.


Semantisches Vorfeld des Begriffs und seiner Bedeutung
Umstritten ist, ob das Wort auf den französischen Ausdruck bonhomme, zu Deutsch etwa gutmütiger Trottel, zurückzuführen ist, das manchmal in ähnlicher Bedeutung genutzt wird, jedoch in keinem Links-Rechts-Zusammenhang steht und somit ursprünglich keinerlei politische Bedeutung hatte.
Nach einer von WDR-Journalist Jürgen Hoppe gestützten Auffassung ist das Wort „Gutmensch“ 1941 von Joseph Goebbels erfunden worden. Demnach leiteten die Nationalsozialisten das Wort aus dem jiddischen „a gutt Mensch“ ab. Adolf Hitler benutzt in Mein Kampf in tendenziellem Sinne zahlreiche Gut-Wörter, so etwa die Wendung „gläubiges Gemüt“ gegenüber Politikern, die gutmütig daran glaubten, „mit dem Mittel westlicher Demokratie der jüdischen Welteroberung entgegentreten zu können.“ Gutmütigkeit und Menschenfreundlichkeit wird hier Naivität unterstellt, die eine Gefahr darstelle, weil sie allem "Deutschfeindlichen", vor allem "Juden" und "Marxisten" in die Hände spiele: „Wenn dann diese oft seelenguten braven Menschen in ihrer politischen Betätigung dennoch in die Reihen der Todfeinde unseres Volkstums eintraten und diese so schließen halfen, dann lag dies daran, daß sie ja die Niedertracht der neuen Lehre weder verstanden noch verstehen konnten.“
Nach einer häufig geäußerten Auffassung wurde der Begriff von Friedrich Nietzsche geprägt. In Nietzsches Werk finden sich zahlreiche verachtende Äußerungen über den "guten Menschen", nicht jedoch mit der Vokabel „Gutmensch“.

"Good minds" als rhetorische Figuren in der US-Multikulturalismus-Debatte

Mit „Good minds“ – naive und unschuldige Gemüter – meinten die konservative Reformgegner in den USA zu Anfang der 1990er Jahre Menschen, die der Sprache der „Political Correctness“ zum Opfer gefallen wären. Dazu wurden Bilder aus Orwells Roman 1984 bemüht, die Reformbefürworter mit Vorstellungen von einer „Gedankenpolizei“ stigmatisierte. So schrieb Mortimer Zuckerman von der U.S. News and World Report 1991: „Good minds have fallen prey to the petty tyranny of ‚political correctness’, a bizzarre version of Orwellian Newspeak”. Die PC-Kampagne konnte mit solchen Bildern gesellschaftliche "Ur-Ängste" vor "Zensur", "Totalitarismus" und "Stalinismus" sowie "Faschismus" mit dem Ziel wachrufen, normgebende konservative Vorstellungen einer common cultures zu verteidigen. (Vgl. Ariane Manske, 2002)


Andere Verwendungen
„Gutmenschen“ (Bonhommes, boni homines) ist auch eine gebräuchliche Bezeichnung für die Angehörigen einer der größten religiösen Bewegungen des Mittelalters, die auch als Katharer und Albigenser bezeichnet wurden und sich selbst veri christiani, wahre Christen, nannten.

Siehe auch
Tolerantismus


Literatur
Das Wörterbuch des Gutmenschen, Edition Tiamat 1994, ISBN 3492226957
Das Wörterbuch des Gutmenschen Bd. 2, Edition Tiamat 2001 ISBN 3923118643
Gerhard Henschel: Das Blöken der Lämmer. Die Linke und der Kitsch, Edition Tiamat 1994 ISBN 3923118732
Clemens Knobloch: Moralisierung und Sachzwang. Politische Kommunikation in der Massendemokratie. ISBN 3-927388-69-6
Mortimer Zuckerman. „The Professoriate of Fear.“ U.S. News and World Report 29 July:64.
Ariane Manske (2002): Political Correctness und Normalität. Die amerikanische PC-Kontroverse im kulturgeschichtlichen Kontext. Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, Heidelberg 2002. ISBN 3935025335
Leserbrief von Karl Scheel in der Frankfurter Rundschau, 19. November 1997

Weblinks
„Gutmensch“ -- Textbeispiele aus österreichischen Medien
Friedrich Nietzsche über den guten Menschen
Jürgen Hoppe (WDR) zu seiner Etymologie von „Gutmenschen“
"political correctness" - ein Mantra nationaler Erweckung. Brigitta Huhnke über den globalen Diskurs gegen Frauen, Fremde und historische Erinnerung zu Gutmensch und "political correctness"
Österreichischen Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP , 31(2002) 3, S. 291 – 303) - PDF - Katrin Auer: „Political Correctness“ – Ideologischer Code, Feindbild und Stigmawort der Rechten und den Begriff Gutmensch in diesem Diskurs.
Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Gutmensch
Kategorien: Ethische Haltung | Politisches Schlagwort | Diskriminierung


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